Danny Voss - WesternClassic
 

Stories

Aus Liebe!

(von Elly)

Es ist ein später Samstagnachmittag und ich stehe auf einer herbstlichen Weide, irgendwo im Taunus. Dort sieht man ein kunterbuntes Dutzend Pferde, deren Herkunft man nur erraten kann. Am Zaun grast ein dickes, gemütliches Kaltblut, daneben ein altes ausgemustertes Springpferd, das bestimmt schon 25 Lenze überschritten hat und dennoch glücklich seinen Lebensabend verbringt.
Es herrscht auf diesen Koppeln eine friedvolle Ruhe und eine spürbare Zufriedenheit. Auf der anderen Seite sehe ich eine sehr alte Stute, deren arthritischen Gang davon zeugt, dass sie auch nicht mehr die Jüngste ist. Sie steht dort mit ihrem alten Gefährten ganz dicht und zupft –so gut es ihre Zähne zulassen - zaghaft am Gras. Ihre körperliche Verfassung ist nicht mehr die allerbeste, aber kein Wunder. Der Hofbesitzer erklärt mir, dass diese beiden um die 30 Jahre wären und seit 25 Jahren ein Paar sind. Ihre Besitzer möchten ihnen einen erfüllten Pferde-Lebensabend ermöglichen. Diese Vorstellung rührt mich sehr und ich weis es ist nicht immer so.

Ja, das ist mein neuer Hof. Ich sehe am Horizont meine Stute und ich erinnere mich an unsere erste Begegnung:

Vor gut elf Jahren habe ich sie auf einer Wiese im tiefsten Odenwald das erste Mal entdeckt. Ich frage mich so oft, warum fuhr ich an diesem Sonntag eine falsche Strecke, landete in einem winzigem Dorf in einer Sackgasse und musste dort mit meinem Auto auf einer ganz engen matschigen Feldweg wenden, wobei mein Blick auf eine Weide fiel. Die wundervolle Stute mit ihrem winzigen Rappfohlen faszinierte mich sofort.

 

 

 

 

 

Wie von unsichtbarer Hand geführt stieg ich aus dem Wagen, um mir die Tiere näher anzusehen. Es war ein einsamer Hof und außer den Beiden waren keine anderen Lebewesen weit und breit zu sehen. Stille und Einsamkeit umgaben uns.

Irgendwann fuhr ich wieder weiter, aber diese beiden Schönheiten gingen mir die ganze Zeit nicht mehr aus dem Kopf.
Es vergingen einige Tage und ich fuhr wieder an diesen Platz und entschloss mich, das Fohlen zu adoptieren. Schnell war der Transport organisiert, eine Fohlenweide gefunden und Equipment für die Kleine gekauft.

Die Jahre vergingen und aus meinem kleinen schwarzen dürren Stütchen wurde eine stattliche Dame mit einer großen Portion Selbstbewusstsein und Einfallsreichtum. Ich begann mit ihr Bodenarbeit und sie begleitete mich auf vielen Spaziergängen. Es folgte die Zeit in der sie lernte, was es heißt ein Reitpferd zu sein. Wir lernten viel voneinander und ich kam während dieser Zeit im Umgang mit ihr oft an meine persönlichen Grenzen.

Bis dato hatte ich noch nie ein Jungpferd ausgebildet und war es gewohnt, dass die Pferde eine gute Erziehung genossen hatten und respektvoll mit dem Menschen umgingen. Aber nicht dieser junge Wirbelwind, die in der Zwischenzeit 5 war und sich zur Aufgaben gemacht hatte, so schnell wie möglich die Chefin in unserer Mensch-Pferd-Beziehung zu werden.
Ich erinnere mich gerne an jede einzelne dieser abenteuerlichen Geschichten, wenn wir heute 11 Jahre später, am langen Zügel in einer seligen Ruhe und Verbundenheit durch die Wälder streifen. Immer mit der Gewissheit mich zu 100 % auf mein ehemals so kämpferisches Fohlen verlassen zu können.

Ja ich bin sehr stolz darauf, denn gegen alle Ratschläge, die mir alle so „wichtigen" Leute und Trainer gegeben haben, unzimperliche Methoden auszuprobieren, um dieses „renitente" Pferd zu bändigen. „Du musst ihr zeigen, wer hier der Boss ist...",
"wenn Du das jetzt nicht hinkriegst, ziehst Du einen Verbrecher groß...","nimm doch Sporen...",
"...mach ein schärferes Gebiss rein"....und und und.

 


 

 

 

All diese Ratschläge habe ich missachtet und habe mich nur nach meinem Herzen gerichtet. Ich wusste ganz genau, dass Vertrauen Zeit braucht und ich mit kleinen Schritten schon dahin kommen würde, wo ich hin wollte. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich bei meinen Mitstreitern in den verschiedenen Ställen zum gefühlvollen Deppen machte.

Ich habe mich von meinem Weg nicht abbringen lassen. Zum Glück war und bin ich nicht abhängig von der Anerkennung anderer.

In den vielen Jahren meines Reiterlebens habe ich neben vielen freundlichen, verantwortungsbewussten Reitern auch übertrieben ehrgeizige und erfolgsabhängige Menschen kennengelernt. Jeder Reitstall hat seine eigene Kultur, manche ist mehr als erschreckend.
Je teurer Anlage und Pferde sind, desto häufiger bestimmen Eitelkeit und Konkurrenz das Geschehen. Statt eine liebevolle Beziehung zu seinem Tier aufzubauen, benutzen viele Reiterinnen und Reiter ihre Pferde wie Autos. Prestige und Dominanz werden in Szene gesetzt, draufsetzen und funktionieren, ist hierbei das Motto. Hundert Slidingstops an einem Abend, Spins bis zum Umfallen und brutales Zerren an der Kandare sind Tierquälerei.

Waren die Pferde noch bei der Ankaufsuntersuchung in Ordnung und strotzen vor Energie und Tatendrang, wurden sie schon nach kurzer Zeit zum Invaliden mit leblosen Blick. An Rennpferde, die mit fünf Jahren nicht mehr laufen können will ich lieber gar nicht denken.

Wie bedauernswert ist ein Geschöpf, wenn seine sportlichen Erbanlagen über die Lebensdauer entscheidet. Den ganzen Tag in der engen Box ausharrend, zum Sportgerät degradiert und zur all-abendlichen Trainingseinheit abgeholt, träumt sich seine einsame Pferdeseele in weite Ferne. In der Fachsprache heißt es „broke" wenn das Pferd keinen eigenen Willen mehr hat, dann hat das Ego des Menschen den Stolz des Pferdes zerbrochen.


 

 

 

 


Ist es wirklich ein Grund stolz zu sein, wenn man den Erfolg eines Pferdes nicht selbst mit Liebe und Ausdauer erarbeitet? Die meisten Egozentriker kaufen sich ein Pferd, welches bereits fix und fertig vom Trainier ausgebildet wurde, für sehr viel Geld und starten in die Turniersaison. Die erste Saison geht noch, dann folgen die Monate alleine, meist ohne Support des Trainers. Auch mit der Zuhilfenahme von schärferen Sporen, allerlei Hilfszügeln und schmerzhaften Gebissen lässt der einstige Erfolg nach. Bestenfalls wird das Tier an verständnisvolle Menschen verkauft, schlimmstenfalls muss diese geduldige Wesen weiter unter den unfairen Reitern leiden. Die Pferde haben keine Chance sich zu wehren, weil der Schmerz der Strafe immer unerträglicher wird.

Menschen, die andere Lebewesen quälen um sich selbst besser zu fühlen, sollten erstmal selber etwas in sich lösen oder klären. Seinen Selbstwert findet man durch eigene Einsichten in Hinsicht auf Werte und Mitgefühl für andere, aber nicht im Leiden anderer.

Ich erwache aus meinen traurigen Gedanken und merke, dass ich immer noch auf dieser herbstlichen Wiese inmitten der friedlichen Herde stehe. Ich blicke hoch und bemerke mein schwarzes keckes Stütchen, welches mittlerweile zu mir angaloppiert ist und sein warmes, flauschiges Maul frech in meine Jackentasche steckt, um nach Heucobs zu suchen.
Oh, wie würden jetzt wieder die so konsequenten Reiter diesen „schwerwiegenden Fehler" kommentieren? Ich schau hoch und da sehe ich dieses bekannte schelmische Funkeln in ihren Augen.

Ach - ist das Leben nicht wundervoll, wenn man solch eine Zuneigung, solch ein Vertrauen empfinden kann und auch entgegen gebracht bekommt? Ist es nicht 1000-fach erfüllender, wenn ein Lebewesen ganz ohne Zwang den Kontakt mit seinem Menschen sucht und genießt?

Was bedeuten schon Papierschleifen und Blechpokale, wenn man einen solch guten, vierbeinigen Kameraden im Leben haben kann? Ich wünsche jeder Reiterin und jedem Reiter, diese wundervolle Erfahrung machen zu können, ganz frei von Druck, Erfolg und Prestigedenkens.

 

 

 

 

 


Diese Zeilen sind Danny gewidmet, deren gefühlvoller und artgerechter Unterricht Reitern den sanften Weg lehrt.

 


<< zurück zur Übersicht